Kanon Verlag* | Gebundene Ausgabe | 288 Seiten | 23,00 € | Amazon* und im örtlichen Buchhandel

INHALT:
Mascha und ihre Tochter Tinka leben allein. Am Monatsende können sie nicht mehr heizen. Um die Nacht zu überstehen, bauen sie sich eine Höhle aus Decken. Sie fühlen sich gefangen. Doch sie haben einander. Und die kühne Idee für einen Ausweg.
Ein Leben in Armut erfordert Mut, also ist Mascha furchtlos. Sie zieht mit ihrer Tochter in ein Altersheim, um zu überwintern und sich das Amt vom Hals zu halten. Der Tröster kommt, wenn sie ihn braucht, und bleibt, als er nicht mehr im Hinterzimmer einer Kneipe wohnen kann. Übergangslösungen, weiß Mascha. Als Tomsonov, einer der Heimbewohner, unter dem Sandsteinfundament im Keller Geräusche hört, beginnt Mascha zu graben. Nach Loyalität und Geborgenheit, nach zweiten Chancen und nach Abenteuer. Einen Tunnel hinaus.
MEINUNG:
Auf Tunnel bin durch das Verlagsprogramm von Kanon, einem von mir sehr geschätzten Verlag aufmerksam geworden. In diesem Jahr gibt es sehr viele vielversprechende Debüts von (jungen) deutschen Autorinnen. Dieser Roman ist eines davon.
Masch lebt mit ihrer Tochter allein. Beide leben am Existenzminimum. Am Ende des Monats ist häufig nicht mehr viel Geld übrig. Ihnen bleibt nicht mal Geld zum Heizen und sie bauen sich eine Höhle aus Decken. Um der Misere zu entkommen, fasst Mascha einen Plan. Sie nimmt einen Job im Altersheim an, um sich auch das Arbeitsamt vom Hals zu halten und bringt sich und ihre Tochter dort unter, um Heizkosten zu sparen. Auch Maschas Freund, den alle nur den Tröster nennen, wird noch mit untergebracht als er nicht mehr im Hinterzimmer einer Kneipe unterkommen kann. Im Heim knüpft Mascha mit Tomsonov Kontakt. Beide beginnen einen Tunnel zu graben.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Mascha, Tinka, dem Tröster alias Enders und Tomsonov erzählt. Ich hatte so meine Probleme in das Buch herein zu finden, was eindeutig am Schreibstil lag. Der ist literarisch auf einem hohen Niveau, aber er ließ sich sperrig lesen und machte es mir schwer eine emotionale Bindung zu den Protagonisten aufzubauen. Trotz allem sind die Kapitel recht kurz und ich bin relativ zügig durch das Buch gekommen. Ich habe besonders Tinka in Herz geschlossen, weil sie in dieser prekären Lage groß werden muss. Als Mascha im Altersheim beginnt, hat sie unterm Strich auch wenig Zeit für Tinka, wie vermutlich viele alleinerziehende Mütter. Man spürt Tinkas Traurigkeit auf Grund der Vernachlässigung darüber, dass sie immer wieder vertröstet wird und sich nichts sehnlich wünscht als mit ihrer Mutter zusammen zu sein. Es zeigt gut die Krux, in der Mütter in unseren heutigen Gesellschaft stecken – Zeit für die Kinder vs. Geld verdienen.
Das Verhältnis zu Ender (dem Tröster) ist zunächst auch schwierig von Tinkas Seite aus. Anfänglich ist da noch eine starke Distanz bis Abneigung. Allerdings wandelt sich dies dann mit der Zeit. Anhand von Masche und Enders zeigt die Autorin gut, wie es ist arm zu sein und wie der Umgang des deutschen Sozialsystems ist. Masche muss regelmäßig zum Arbeitsamt, was sich oft als sehr demütigend herausstellt. Mit der Arbeit im Altersheim wirft die Autorin auch einen Blick auf das Leben und Arbeiten dort. Es gibt immer wieder Einblicke, wie die Pflege abläuft. Die Kräfte wie Masche haben nur 15 Minuten pro BewohnerIn, was natürlich nur für die Versorgung reicht, aber nicht für die soziale Kommunikation. Die BewohnerInnen sind oft einsam. Familie ist manchmal nicht mehr vorhanden oder kommt nur selten zu Besuch. Diese Themen fand ich schon sehr bedrückend, aber auch realistisch. Das Graben des Tunnels ist ein bisschen skurril und kann vermutlich nur metaphorisch dafür gesehen werden, dass Mascha und Tomsonov einen Ausweg suchen. Etwas anderes kann ich mir schwer vorstellen.
FAZIT:
Ich bin insgesamt mit Tunnel nur schwer warm geworden. Inhaltlich habe ich nichts auszusetzen, denn es sind wichtige Themen, die Autorin hier sichtbar macht, wie z.B. Leben in Armut bzw. am Existenzminimum und Leben in einem Pflegeheim. Auch die Charaktere, die sich dadurch eher am gesellschaftlichen Rand bewegen, dennoch fand ich den Schreibstil schwierig, wenn auch literarisch und vor allem für einen Debüt-Roman hochwertig. Ich konnte allerdings kaum eine emotionale Bindung zu den Charakteren aufbauen. Das Ende lässt mich irgendwie erschüttert zurück.
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar freundlicherweise von Kanon Verlag* zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.
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Ein Kommentar zu „Rezension „Tunnel“ – Grit Krüger“