Rezension „Über Menschen“ – Juli Zeh

Luchterhand Verlag* | Gebundene Ausgabe | 416  Seiten | 22,00 € | Amazon* und im örtlichen Buchhandel

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INHALT:

Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht.

MEINUNG:

Juli Zeh war eine Autorin, die ich schon lange für mich entdecken wollte. Nun habe ich letzten Monat Leere Herzen von ihr gelesen und da stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall weitere Romane von ihr lesen möchte. Ihr neuer Roman Über Menschen kam da gerade recht. Der Roman ist keine Fortsetzung von Unter Leuten, auch wenn der Titel das vermuten lässt.

Dora, Wahl-Berlinerin, hält es in der Stadt mit ihrem Freund und Corona-Umständen nicht mehr aus und kauft ein Haus in dem kleinen, fiktiven brandenburgischen Dorf Bracken und zieht mit ihrer Hündin Jochen dorthin (ganz viel Liebe für diesen Hund, den ich sofort ins Herz geschlossen habe). Dora zieht ins sprichwörtliche Nirgendwo, wo man ohne Auto eigentlich nicht zurecht kommt und Dora hat kein Auto, was das Ganze noch zusätzlich erschwert. Sie trifft in Bracken auf allerlei Menschen, die sie so nicht gewohnt ist und die ihre eigenen Vorstellungen ziemlich auf den Kopf stellen.

Ich habe mir zunächst gedacht, bei aller Sympathie zu Juli Zeh, ob ich wirklich ein Buch über Corona lesen möchte, einem Thema, was seit über einem Jahr so alltäglich ist. Juli Zeh setzt das Thema sehr dosiert ein, aber natürlich ist es auch der Auslöser für Doras Flucht aufs Land. Natürlich findet man sich hier wieder, aber es ist eben auch schon wieder ein Jahr später und ich habe mich dabei erwischt als ich dachte „ach damals“. Viele Maßnahmen, wie die Masken sind heute alltäglich geworden und es seltsam zu lesen, wie es vor einem Jahr damit anfing. Ich habe am Anfang ein bisschen gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen. Mir fehlte zunächst ein bisschen der rote Faden. Es las sich fast ein bisschen wie Kurzgeschichten. Juli Zeh wechselt auch häufig zwischen Gedanken und eigentlicher Handlung. Den Mittelteil fand ich sehr stark und mochte das Buch dann gar nicht mehr aus der Hand legen.

Dora ist für mich als geborene Berlinerin die typische zugezogene Berlinerin, die in der Werbebranche arbeitet. Trotzdem war sie mir sofort sympathisch. Ich fand es bewundernswert, wie sie einfach gewohntes Stadtleben hinter sich lässt und ein Haus mit 4.000 Quadratmeter Grundstück erwirbt und dennoch ist es genau das, was sie in dem Moment zu brauchen scheint. Auch ihre Familienverhältnisse sind Teil der Geschichte und man lernt sie dadurch noch besser kennen. Besonders amüsant fand ich ihren Vater Jojo, einem sehr angesehenen Arzt. Dora scheint es gewohnt zu sein sich immer um alles selbst zu kümmern.

Interessant sind die Begegnungen mit den Einwohnern Brackens, allen voran ihrem direkten Nachbarn Gote, der sich selbst als Dorf-Nazi bezeichnet. Außerdem sind da noch Tom und Steffen, die offen zu geben, die AfD zu wählen. Zu recht wird Dora hier massiv mit einer Gedankenwelt konfrontiert, die sie entschieden ablehnt, die ich ablehne und die wohl auch andere LeserInnen ablehnen werden. Juli Zeh zeigt aber dennoch auch auf, dass man diese Leute nicht auf das reduzieren kann. Es sind auch Menschen, die z.B. hilfsbereit gegenüber Dora sind und das führt, ohne dass ich auch solches Gedankengut gut heißen möchte, zu starken Ambivalenzen in Doras Gefühlslage. Ich habe mich beim Lesen auch dabei erwischt, dass ich z.B. den Gote irgendwann auch gern hatte und Dora ging es genauso. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, dass dem ein oder anderen LeserIn nicht besonders gut gefallen wird.

FAZIT:

Über Menschen habe ich gern gelesen. Als geborene Berlinerin sind kleine Orte in Brandenburg Teil meiner Jugend und Kindheit und ich konnte mir vieles gut vor meinem geistigen Auge vorstellen. Juli Zeh ist eine kluge Beobachterin und greift auch hier wieder aktuelle Themen auf. Ich musste ein bisschen in die Geschichte rein kommen, aber dann hat es mich gepackt.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar freundlicherweise von Luchterhand Verlag* zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

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Ein Kommentar zu „Rezension „Über Menschen“ – Juli Zeh

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