Kurz-Rezension „Wir kommen zurecht“ – Annika Büsing

Steidl Verlag* | Gebundene Ausgabe | 288 Seiten | 24,00 € 



INHALT:

Philipp hat gelernt, sich am Riemen zu reißen, den Mund zu halten und niemandem auf die Nerven zu gehen. Er ist fast achtzehn und steht kurz vor dem Abi. Sein Vater, ein erfolgreicher Chirurg, hat eine neue Freundin und »stemmt die Welt«, während seine Mutter nur noch ab und zu verschwommenen in seinen Gedanken auftaucht. Halt findet Philipp bei seinem besten Freund Lorenz, mit dem er fast alles teilt, bis auf seine unklaren Erinnerungen an einen Hund oder seine wilde Liebe zu Studentin Mascha. Als die Polizei anruft und wieder einmal nach Philipps Mutter sucht, muss er sich entscheiden, ob er weiterhin unsichtbar bleiben will oder endlich für sich selbst einsteht. Annika Büsing hat ein zartes, genau beobachtetes Buch über eine Familie geschrieben, die an der psychischen Erkrankung der Mutter fast zerbricht. Ganz nah kommt sie dem Denken, Fühlen und Leben ihrer Figuren. Wie durch ein Vergrößerungsglas blickt Wir kommen zurecht darauf, was Familie sein kann. Die, in die man hineingeboren wird und die, die man sich wählt.

MEINUNG:

Seit Nordstadt liebe ich die Bücher von Annika Büsing und warte jedes Jahr sehnsüchtig auf neuen Lesestoffe von der Autorin. Auch Koller habe ich gerne gelesen und war daher umso gespannter auf Wir kommen zurecht.

Annika Büsing greift mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils, ein Thema auf, welches nur selten in Büchern behandelt wird, obwohl dieses Thema so wichtig ist. Es war schwierig für mich, denn es hat emotional mit mir viel gemacht. Ich konnte Philipp sehr gut verstehen in seinem Verhalten, in seiner Prägung, in seinen Ängsten etc. und die Belastung in der eigenen Kindheit und im Erwachsenwerden durch die psychische Erkrankung der Mutter, die natürlich auch eine große Instabilität in Philipps Leben gebracht hat. Allerdings hat mich auch geschmerzt, dass seine Mutter gewissermaßen nur eine Randfigur ist und es Lorenz besser zu gehen scheint, wenn sie in seinem Leben nicht statt findet. Mich hat es geschmerzt, weil sie doch auch nichts für diese Erkrankung kann. Es gibt ein paar Szene, in denen sie wieder auftaucht, aber Philipp ergreift lieber die Flucht. Man muss ihm zu Gute halten, dass er erst 17 Jahre alt ist und eventuell in späteren Jahren einen andere Umgang mit der Mutter finden kann. Ich würde es mir sehr wünsche, auch wenn es nur eine fiktive Geschichte ist. 🙂

Ansonsten ist in dem Roman auch eine sehr schöne Coming-of-Age Geschichten verpackt, wo wir Philipp dabei begleiten, wie er langsam seine Flügel ausbreitet in das Erwachsenenleben und das mit allen Höhen und Tiefen, wie Abiturabschluss, Zukunftsplänen, rebellischen Phasen, Drogenerfahrungen etc. Ganz besonders mochte ich auch Philipps Freund Lorenz und ganz besonders die Freundschaft zwischen den beiden, weil diese absolut nicht die stereotypische Männerfreundschaft war, sondern eine enge Beziehung, in der man auch über Gefühle sprechen kann und in dem einem Körperkontakt nicht peinlich ist. Es sollte mehr von solchen Charakteren geben und genau dafür liebe ich auch die Romane von Annika Büsing.

FAZIT:

Annika Büsing hat mir Wir kommen zurecht wieder bewiesen, was für eine kluge Gabe sie hat jugendliche Charaktere mit ihren Sorgen und Nöte beim Erwachsenwerden zu beobachten und so fein zu beschreiben, dass es fast unmöglich ist, hier nicht emotional berührt zu sein. Sie hat mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils ein Thema aufgegriffen, welches selten besprochen wird. In meinen Augen sind genau solchen Bücher wichtig in dieser Lebensphase.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar freundlicherweise von Steidl Verlag* über NetGalley* zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

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